Reisebericht von 19.11. bis 7.12.2004

verfasst von Prof. David G. Senn, dem wissenschaftlichen Reisebegleiter

Nach einer Flugreise mit Unterbrüchen von Basel – Frankfurt – Buenos Aires errecihen wir am 19. November Ushuaia. Nachdem wir am Nachmittag eine kleine Stadtrundfahrt durch Ushuaia mitmachten, schiffen wir auf der Polar Pioneer ein und stechen nach 18 Uhr in See. Von einem argentinischen Lotsen geleitet, passieren wir den Beagle-Kanal in östlicher Richtung und gelangen während der Nacht in den offenen Südatlantik.
Darauffolgenden Tags sind wir auf hoher See mit Kurs in nordöstlicher Richtung zu den Falkland-Inseln. Die See ist mässig bewegt; zwischen der lockeren Bewölkung gibt es Sonnenschein. Wir staunen, wieviele Vögel über den Wellen fliegen. Es zeigt sich darin auch das unermessliche Nahrungsangebot des Ozeans. Ozeanische Vögel halten sich die meiste Zeit des Jahres auf der offenen See auf. Sie wandern im Hinblick auf die saisonalen Nahrungsangebote weite Strecken. Nur gerade für die Brut brauchen sie den Landkontakt. In schnellem Flug jagen die Südlichen Riesensturmvögel (Macronectes giganteus) dynamisch segelnd über die Wellen. Vereinzelt gibt es auch den Nördlichen Riesensturmvogel (Hallssturmvogel, Macronectes halli). Auch der Weisskinn-Sturmvogel (Pro-cellaria aequinoctialis) und der Silbersturmvogel (Fulmarus glacialoides) sind zu sehen. Besonders häufig sind die Kapstrumvögel (Daption capensis); sie sind an den vier hellen Bezirken auf der sonst dunklen Flügeloberseite zu erkennen. Oft ziehen Schwarzbrauen-Albatrosse (=Mollymauks) (Diomedea melanophris) ihre Schleifen. Vereinzelt waren auch schon Wanderalbatrosse (Diomedea exulans), Königsalbatrosse (D. epomophora, die ja auf Inseln südlich von Neuseeland brüten) und Weisskappenalbatrosse (D. cauta) unterwegs. Weitere Formen: Dunkelsturmtaucher (Puffinus griseus); Buntfuss-Sturmschwalbe (Oceanites oceanicus); Graurücken-Sturmschwalbe (Garrodia nereis).

Falkland-Islands

Beauchêne Island: Weit südlich der Falklands ragt das felsige und oben von Tussockgras bewachsene Eiland aus dem Meer. Die wenige Kilometer grosse Insel ist nicht von Menschen bewohnt und steht als Naturreservat unter völligem Schutz. Auf der Insel nisten (wohl über 200'000) Schwarzbrauenalbatrosse in einer der grössten Brutkolonien. Ferner dürften hier auch zahlreiche Sturmvögel und Sturmtaucher brüten. Es wird angenommen, dass Beauchêne inmitten eines besonders fischreichen Gebiets liegt.
Sealion Island: Auf der etwa 6km langen, recht flach gestalteten Insel gedeiht (dort wo die Schafzucht nicht überhandnahm) noch das Tussock-Gras, das in grossen, bis 3m messenden Büscheln eine dichte Vegetation bildet. Darin finden verschiedene Vögel ihre Nischen, so Tussockvögel, Falklanddrosseln, Tyrannen, Bekassinen und Zaunkönige. Wo die Zone ans Meer grenzt, halten sich häufig gestreifte Caracaras und Truthahngeier auf. Das Tussockgras ist charak-teristisch für die subantarktischen Inseln rund um die Südhemisphäre. Leider ist es auf den meisten Inseln des Falkland-Archipels (wegen der Schafzucht) verschwunden.
Am Strand wimmelt es von flugunfähigen Dampfschiffenten (teils mit Jungen), Magellangänse, Tanggänse, Ruddyheaded Geese, Dominikanermöwen, Blutschnabelmöwen, Grosse Raubmöwen (Skuas), Südlichen Austernfischern (Haematopus leucopodus), Regenpfeiffern (Charadrius falklandicus), Rufouschested Dotterel (Charadrius modestus), Schwarzhalsfinken, Gras-Zaunkönigen, Bekassinen und Riesensturmvögeln. Die Kolonie von Eselspinguinen (Pygoscelis papua) ist in eher flachem Gelände angelegt. In zahlreichen Nestern (die auf Steinen angelegt werden) sind frisch geschlüpfte Junge zu beobachten; sie werden von den Eltern mit ausgewürgter Nahrung gefüttert. Ein Junges konnte gera-de beim Schlüpfen aus dem Ei bestaunt werden. Die Adultvögel, die sich bei Brut und Sorge um die Jungen abwechseln, müssen zum Nahrungserwerb regelmässig zum Meer; sie wandern auf 'ihren Strassen' zwischen der Brutkolonie und dem Ufer.
Im offenen Wasser vor der Bucht patroullieren immer wieder Schwertwale (Orcinus orca). Dies hat einen guten Grund; die räuberischen Wale ziehen von der Antarktis zu jener Zeit nach Falkland, in der erste junge See-Elefanten zum ersten Mal das Meer aufsuchen. Nach der ,See-Elefanten-Saison‘ ziehen die Orcas weiter, wieder zur Antarktis. In der Ebbe-Flut-Zone der Bucht sind auch die grossen Tange auffällig. Auf den Litoralfelsen wächst die in der Subantarktis weit verbreitete Durvillea antarctica (die Algen sehen aus wie riesige Tagliatelle). Weiter aussen sind die dünneren Macrocystis häufig; diese Algen bilden ausgedehnte Tangwälder in 10-40m Tiefe; ihre Thalli sind so lang, dass sie, von kleinen gasgefüllten Schwimmkörpern hinaufgezogen, am Licht Photosynthese betreiben können.
Eine Besonderheit der Insel ist die Kolonie der See-Elefanten. Der Südliche See-Elefant (Mirounga leonina) gehört systematisch zu den Seehundartigen. Es sind die mächtigsten Vertreter der Hundsrobbengruppe; die Bullen erreichen 6,5m und 3,5t, die Weibchen 3,5m und 900kg. Die Bullen zeigen eine rüsselartig verlängerte Nase, die bei Erregung und zum Imponieren aufgeblasen wird. See-Elefanten verbringen einen grossen Teil des Jahres auf hoher See, um reiche Nahrungsgründe zu nutzen. Nach neuen Erkenntnissen wird sehr tief getaucht (mit angehaltenem Atem), in bis gegen 1'000m Tiefe holen diese Robben ihre Kalmare (eine gemessene Rekordtiefe betrug 1'500 m). Wie die Tiere in der völli-gen Finsternis, die in jenen Tiefen herrscht, die Beute orten, ist noch unerforscht. Es könnte Echolokation, ein Sonarsystem im Spiel sein, ganz ähnlich wie wir es von Delphinen kennen. Eine andere These besagt, dass die Kalmare der Tiefen biolumineszent sind, das heisst als selber leuchtende Objekte von den See-Elefanten gesehen werden können.
In der Fortpflanzungszeit, die in der Regel Ende Oktober beginnt, versammeln sich die See-Elefanten an sog. Fortpflanzungsstränden, nach denen das subantarktische Verbreitungsgebiet umschrieben wird: Kerguelen, Macquarie, Südgeorgien, Falkland und an der Halbinsel Valdes an der patagonischen Atlantikküste. Durch Aufrichten des Vorderkörpers (monumentale Pose), Aufblasen des Rüssels und (zuweilen blutige) Kämpfe ringen sie um Revier und Harem. Bei aufgesperrtem Maul werden rülpsende Laute ausgestossen.
See-Elefanten halten sich während der meisten Zeit des Jahres im offenen Meer auf, es sind pelagische Tiere, die systematisch zu den Phocidae (Seehundartige) gehören. Im Wasser treiben sie sich an, indem sie sich mit den parallel senkrecht gestellten Hinterflossen seitlich schlängelnde Bewegungen ausführen. An Land 'robben' die Tiere auf dem Bauch.
Im Oktober kommen die Bullen ans Ufer und etablieren ihre Reviere. Später kommen auch die Weibchen und gebären ihre etwa 70cm grossen Jungen (pro x ist es immer ein Junges). Die Babies werden nur 3 Wochen (!!!) lang gesäugt. Dies ist dank der sehr nahrhaften Milch (ca.51% Fettgehalt) möglich. Danach liegen sie als 'Entwöhnte' noch wochenlang auf dem Strand und wachsen, obschon sie jetzt nichts fressen, aufgrund des vormaligen hohen Fettkonsums weiter.
Im Spätsommer (d.h. etwa im März) werden die See-Elefanten im wesentlichen wieder pelagisch. Erste Befunde mit sendermarkierten Tieren, deren Route mit Satelli-tenortung verfolgt werden kann, dürften darauf hinweisen, dass Männ-chen und Weibchen verschiedene Wege gehen dürften. Bullen ziehen in den Bereich der Packeisgrenze, um dort aus grossen Tiefen Kalmare zu fischen. Weibchen und Juvenile scheinen eher auf den Breitengraden zu verbleiben und sich in östliche und westliche Richtung zu verschieben. Auf dem Sandstrand von Sea Lion-Island wurde auch ein Patagonischer (Südamerikanischer) Seelöwe gesichtet.
An der südlichen Küste von Sealion-Island gibt es hohe, senkrechtabfallende Felsen. Darauf gibt es grosse Brutkolonien von Blauaugenscharben (Phalacrocorax atriceps) und Felsenpinguinen (Eudyptes crestatus). Von weitem sehen sich diese Vögel mit ihren weissen Bäuchen und dem schwarzen Rücken fast etwas ähnlich. Doch ist der Weg, wie sie zwischen dem Meer und dem Nistplatz zirkulieren, völlig verschieden. Während die Scharben durch die Luft reisen und oft mit einem Algenpräsent im Schnabel beim Nest landen, müssen die 'Rock-hoppers' mühsam mit einer hüpfenden 'Kletterpartie' vom Ufer durch steile Felswege zum Nistplatz heraufwandern. In der Mischkolonie spazieren Blutschnabelmöven (Leucocephalus scoresbyi) und Scheidenschnäbel (Chionis alba) herum, um nach Speiseabfällen der brütenden 'Herrschaften' zu suchen. Auch Felsenscharben (Phalacrocorax magellanicus), die auf Simsen der steilen Felsen brüten, wurden beobachtet.
Zwei bemerkenswerte Raubvögel sind häufig zu sehen. Der Truthahngeier (Cathartes aura falklandica) ist eine Variante des in ganz Südamerika weit verbreiteten Neuweltgeiers, der hier vor allem nach Aas Ausschau hält. Dann gibt es den für Falkland typischen Caracara (Phalcoboenus australis), auch als Johnny Rook oder Striated Caracara bezeichnet. Diese Tiere sind nicht nur zutraulich; sie werden sogar frech und versuchen Gegenstände zu stibitzen.
Mit einer nicht ganz trockenen Überfahrt per Zodiac gelangen wir nach einem reichen Tag vom Strand zurück auf die 'Polar Pioneer'.
Port Stanley: ein Vormittag (22. November) bei ausnehmend strahlendem Wetter mit Besuch bei Pinkshop, Kirche, Museum, Post Office und Bar. Auf der Überfahrt mit dem Zodiac auf die ,Polar Pioneer‘ begegnen wir einigen kleinen Delphinen. Es handelt sich um den in diesen Breiten verbreiteten Commerson's Delphin (Cephalorhynchus commersonii). Am frühen Nachmittag wird der Anker gelichtet; wir nehmen Kurs auf South Georgia.

Überfahrt von Falkland nach South Georgia


Die Überfahrt von Falkland nach South-Georgia dauert etwa drei Tage. Bei (für hiesige Verhältnisse) ,mildem‘ Wellengang und noch immer strahlendem Wetter sichten wir Blasfontänen von Finnwalen; zunächst ein Tier, dann eine Gruppe von 4 Walen, davon einer noch halbwüchsig. Der Finnwal (Balaenoptera physalus) ist mit einer Gesamtlänge von bis etwa 22m der zweitgrösste Wal (Gewicht bis 50t). Die Grundfärbung ist schwarzbraun; die Rückenfinne ist deutlich sichelförmig gestaltet. Die Besonderheit liegt darin, dass er mit Geschwindigkeiten von 20 Knoten und mehr ein besonders schneller Schwimmer ist (der Finnwal gilt als schnellster Bartenwal). Finnwale ernähren sich von Schwärmen von Jungheringen und anderen Fischen z.B. Dorschen), aber auch von Krill. Eigenartig ist die Asymmetrie der Färbung des Kopfes: Während die linke Seite dunkel pigmentiert ist, erscheint die rechte Seite im Unterkieferbereich weiss. Die heutige Gesamtpopulation wird mit 120‘000 bis 200'000 angegeben. Ursprünglich gab es auf der Südhemisphäre gegen eine halbe Million; auf der Nordhemisphäre gegen 60'000 (Heute sind es auf der Südhemisphäre noch etwa 100'000 und auf der Nordhemisphäre etwa 20'000). Oft jagen sie den Fischschwärmen in Tiefen von gegen 200m nach.
Reichhaltig ist wiederum die Vogelwelt auf hoher See. So sichten wir folgende Tiere: Kapstrumvögel, Riesensturmvögel, Schwarzbrauen-Albatrosse, Wanderalbatrosse, Königsalbatrosse, Russalbatrosse, Peale-Delphine. Die Häufigkeit der ozeanischen Vögel nimmt gegen South-Georgia deutlich zu. Spannend ist, dass plötzlich vier zackige Felsen aus dem bewegten Ozean ragen: die Shag Rocks. Darauf nisten zahlreiche Kormorane, insbesondere Blauaugenscharben. Der Ozean ist nun sehr belebt. Es wimmelt von Kapsturmvögeln (Daption capensis). Auch die zierlichen Taubensturmvögel (Pachyptila desolata, Antarctic Prion), von denen auf South-Georgia 22 Millionen brüten sollen, werden vermehrt gesichtet. Zahlreich sind auch die Kerguelen-Pelzrobben (Arctocephalus gazella, Antarctic Furseal), die manchmal in Schulen von einigen Dutzend Tieren schwimmen. Beim schnellen Schwimmen wird 'Porpoising' beobachtet.
Unter den vorüberziehenden .Grossalbatrossen‘ gibt es nicht nur Wanderalbatrosse (Diomedea exulans), sondern auch Königsalbatrosse (Diomedea epo-mophora). Königsalbatrosse brüten ausschliesslich in der südlichen Region Neu-seelands, d.h. auf subantarktischen Inseln wie Campbell Island und auch auf der neuseeländischen Südinsel (Taiaroa Head). So ist es eindrücklich, wie diese Albatrosse, einfach um auf Futtersuche zu gehen, ins Gebiet von South Georgia fliegen.
Die Begegnung mit dem Südlichen Glattwal (Eubalaena australis, Southern Right Whale) bildet zweifellos den Höhepunkt auf dieser Überfahrt. Im Ganzen wurden 6 Tiere gesichtet. Auf einmal waren des drei Wale, davon ein halbwüchsiges Kalb, die sich spielerisch tummelten und dabei immer wieder die Fluken zeigten. Deutlich waren die ,Callosities‘ am Kopf zu sehen, helle buckelige Stellen (eine Art Hornhaut), auf denen Seepocken wachsen können. Im Gebiet westlich von South Georgia liegen weiträumig die Nahrungsgründe des antarktischen Sommers. Die Wale filtrieren mit ihren über 2m langen Barten kleine Crustaceen aus der jetzt reichen Nahrungskette. Jeweils im Winter wandern diese Wale weg ins Fortpflanzungsgebiet bei der Halbinsel Valdes an der patagonischen Küste (dort werden einerseits Junge geboren; andererseits finden dort auch die Paarungen statt). Die Wale werden erwachsen um die 50t schwer; sie messen bis etwa 15m. Glattwale sind langsame Schwimmer; sie erreichen eine Geschwindigkeit von nur etwa 5km/h.

South-Georgia

Im Morgengrauen des 25. November lassen sich die tiefverschneiten Hänge der Nordküste Südgeorgiens unter einer Nebeldecke erblicken. Gespenstisch sehen die graublauen Wellen aus, die mit Schaum gekrönt in Richtung Küste rollen. Dass das Schiff zuweilen kräftig mitrollt, wird kaum bemerkt. Wir haben uns an den Wellengang gewöhnt. Am Vormittag machen wir eine (nässliche) Landung auf dem Strand von Fortuna Bay. Am Strand finden wir zwei Robben-Arten: Ker-guelen-Pelzrobben, die oft in 'Monumentalstellung' verharren und See-Elefanten. Von den Letzteren liegen vereinzelt grosse Bullen und zahlreiche hellsilberige 'Weaners' herum. Über dem Strand fliegen Seeschwalben, Skuas, Sturmvögel und Spiessenten.
Zahlreich stehen am Strand Königspinguine herum; sie sind entweder auf dem Weg vom Meer zur Brutkolonie oder umgekehrt. Der Königspinguin (Aptenodytes patagonicus, King Penguin) ist im zirkumantarktischen Raum verbreitet, kommt aber auf dem Kontinent 'Antarktis' selber nicht vor. Grosse Kolonien gibt es heute noch auf Macquarie-Island, Südgeorgien und auf den Kerguelen. Sie bevorzugen sandige Küsten. Die Brutkolonien werden jeweils hinter dem Sand-strand angelegt. Im Frühling, also etwa im November beginnen die Tiere mit der Brut. Ein Paar bebrütet jeweils ein Ei, das nicht in einem Nest, sondern in einer Bauchfalte auf den Füssen gewärmt und geschützt wird. Die beiden Eltern wechseln etwa alle 2-3 Tage mit dem Brüten ab. So kann der jeweils nicht brütende Partner im Meer auf die Jagd nach Fischen und Kalmaren gehen. Es wird berichtet, dass pro 3 Jahre etwa zweimal gebrütet wird, d.h. es wird zuweilen ein Brutjahr ausgelassen. Eine Brut (Brut des Eies + Aufzucht des Kükens) dauert etwa 13 Monate. Nach zwei solchen Bruten setzen die Tiere ein knappes Jahr aus.
In der Brutkolonie von Fortuna Bay sind die ausgewachsenen Küken im braunen Flaumgefieder sehr zahlreich. Einige haben mit der ersten Mauser begonnen; unter dem Flaum kommt das ,elegante‘ Pinguingefieder zum Vorschein. Eltern, die schon ein neues Ei bebrüten, wurden noch nicht gesehen.
Über Mittag werden im offenen Meer Planktonproben genommen. In den feinmaschigen Netzen, die bis zu 40m hinuntergelassen wurde, sammelt sich eine braune Brühe; alles Diatomeen (Kieselalgen) in Reinkultur. In der enormen Biomasse der Diatomeen spiegelt sich die frühsommerlich reiche Photosynthese der Primärproduzenten wider.
Am Nachmittag ankern wir bei wieder sonnigem Wetter in der Stromness Bay. Hier befinden sich die rostenden und hässlichen Überreste einer Walfangstation. Es ist die Station, bei der sich der seit Jahren vermisste Ernest Shackleton 1917 nach der Irrfahrt in der Weddell Sea und der unglaublichen Überfahrt von Elephant-Island nach South Georgia mit dem Rettungsboot ,Caird‘ und nach der Überquerung des Gebirges eintraf. Am Strand wimmelt es von aggressiven Pelzrobben-Bullen. Vereinzelt sind Eselspinguine und Königspinguine zu sehen. In der Luft ziehen Seeschwalben vorüber.
Am 26. November erreichen wir die Bay of Isles im Nordwesten von South-Georgia. Angenehm ist, dass es recht sonnig ist. Grossartig ist das weite Panorama mit Bergen, Gletschern und dem vom eisigen Wind bewegten Meer. Mit den Zodiacs landen wir am Strand von Salisbury Plain. Eine grosse Ebene wird von zwei Gletschern, dem Lucas Glacier und dem Graca Glacier eingerahmt. So weit das Auge reicht, gibt es Königspinguine. Es dürfte sich um 100'000 bis 150'000 Tiere handeln. Der Kiesstrand ist voll von Tieren, die warten, um entweder zum Meer oder zur Brutkolonie zu spazieren. Eine breite 'Strasse' führt zur Brutkolonie, die sich am Berghang bis weit hinauf erstreckt. Wiederum gibt es viele voll ausgewachsene Tiere, die noch im braunen jugendlichen Flaumgefieder stehen. Manche Eltern haben diese flaumigen Jungen ,fortgeschickt‘, damit sie mit einem neuen Ei die nächste Brut beginnen können.
Am Strand gibt es noch einige See-Elefanten (darunter nebst Bullen und zahlreichen 'Weaners' noch ein Weibchen, das ein Junges säugt) und sehr viele Pelzrobben. Schwimmende Pelzrobben lassen sich sehr schön beim 'Porpoising' beobachten. Zahlreich sind die umherspazierenden Scheidenschnäbel, die im enormen 'Strandbetrieb' nach etwas Fressbarem suchen. Auch Riesensturmvö-gel und Weisskinn-Strumvögel sind zahlreich. Skuas sind vor allem über der Pinguinkolonie häufig. Elegant fliegen Antipoden-Seeschwalben (Sterna vittata, Antarctic Tern) über den Wellen.
Am Nachmittag landen wir mit den Zodiacs an einem Felsstrand von Prion Island. Am Strand und auf den Felsen liegen Kerguelen-Pelzrobben. Die 'Beachmasters' haben einen Harem von kleineren Weibchen um sich. Einige Weibchen haben schon ein Junges geboren. Viele Bullen sind im 'zweiten Rang' ohne Harem. Die etwa 1km grosse Insel ist auf der hügeligen Oberfläche vom büscheligen Tussockgras überwachsen. Höhepunkt sind die Wanderalbatrosse (Diomedea exulans), die locker gestreut ihre Nistplätze haben (exponiert im dauernd starken Wind). Die riesigen Vögel (10kg; 3,5m Flügelspannweite) sind entweder am Nisten auf einem ziemlich frischen Ei, oder sie halten sich in der Nähe des Nestes auf, in dem sie ein im vergangenen Februar geschlüpftes Junges grossgezogen haben. Einige solche Junge im noch dunkelbraunen Gefieder halten sich im Gelände auf. Oft spreizen sie ihre Flügel um 'übend' Schlagbewegungen aus-zuführen. Die Tiere dürften in einem guten Monat flügge werden. Ihren ersten Flug müssen sie allein vollführen; Wochen zuvor sind die Eltern schon weggeflogen.
Nistend und fliegend begegnen wir auch Südlichen und Nördlichen Riesenstrumvögeln (Macronectes giganteus und M. halli). Ferner fliegen oft Weisskinn-Sturmvögel (Procellaria aequinoctialis), Russalbatrosse (Phoebetria palpebrata), Dunkelsturmtaucher, Taubensturmvögel, Skuas (Catharacta loennbergi), Dominikanermöwen und Blauaugenscharben vorüber. In Ufernähe, im Umfeld des Tussockgrases, begegnen wir auch Scheidenschnäbeln, Südgeorgischen Spiessenten (Anas georgica georgica) und South Georgia Pipits (Anthus antarcticus, Fam. Motacillidae).
Der Besuch in Grytviken, der grössten industriellen Walfangstation (1904-1966 in Betrieb), führt uns am 27. November ein sehr betrübliches Kapitel der Nutzung der Meere durch den Menschen vor Augen. Damals wurden pro Tag 25 grosse Wale verarbeitet. Zum Glück bringen einige Seeschwalben, Skuas, Pinguine und See-Elefanten noch etwas Leben in die hässlichen Ruinen. Von 1925 an operierten neben den landgestützten Walfangstationen auch noch 'Fabrikschiffe', die die Wale auf hoher See verarbeiteten. Bis zu 41 schwimmende Fabriken und 232 Harpunenboote waren im südlichen Ozean unterwegs. Durch sie erhöhte sich die Zahl der jährlich getöteten Wale von 14'219 auf 40'201. In Grytviken und noch drei kleineren Anlagen von South-Georgia wurden insgesamt 175'250 Wale verarbeitet. Jetzt zeugt diese Geisterstadt als menschliches Machwerk, das in den eisigen Stürmen vor sich hinrostet, von einer Epoche, die 61 Jahre dauerte. Grytviken ist ein Mahnmal, das veranlassen muss, unser Wirken auf diesem Planeten zu hinterfragen und gründlich zu überdenken.
Am frühen Nachmittag werden einige Teilnehmer im Süden der Cumberland-Bay abgesetzt, um wandernd südwärts die Godthulbucht zu erreichen. Später ankern wir in der Godthul-Bucht. Eindrücklich sind die bizarr gestalteten Eisberge, die in grosser Zahl vor und in den Buchten flottieren. An der Grenze zum offenen Meer wird wieder eine Planktonprobe genommen, die sich als sehr reichhaltig erweist.
Am Vormittag des 28. November ankern wir vor Gold Harbour, einem Strand, der von steilen Bergen und einem Gletscher gesäumt wird. Hier gibt es vor allem reichlich See-Elefanten. Die Fortpflanzungsperiode neigt sich dem Ende zu; nur noch wenige Weibchen sind da; sehr zahlreich sind die 'Weaners'. Noch immer sind die Bullen aktiv, ihre Territorien zu verteidigen; immer wieder kommt es zu ,nicht ganz friedlichen‘ Kämpfen; die Bullen schlagen die aufgerichteten Vorderkörper gegeneinander und äussern ein sehr lautes Grunzen, das weitherum hörbar ist. Am Strand wimmelt es aber auch von Königspinguinen; viele Junge im braunen Flaumgefieder warten auf die Mauser und auf den Start ins Meer. Es sind auch einige Eselspinguine zu sehen; ihre Brutkolonien liegen unter dem tussockgrasbewachsenen Hang. Ferner sind Südliche Riesensturmvögel und Skuas da, die nach Aas Ausschau halten. Stellenweise sind auch die Scheidenschnäbel zahlreich. Plötzlich ist eine gewaltiges Donnergeräusch zu vernehmen: Von einem steilen Berghang ist ein Stück Gletscher abgebrochen; die Eismassen stürzen mit dröhnendem Lärm mindestens 100m in die Tiefe.
Am Nachmittag setzen wir den Anker in der Cooper Bay. An einem ersten, felsigen Strand begegnen wir wieder Pelzrobben mit neugeborenen Babies. Die Bullen benehmen sich besonders aggressiv. Von den Strandfelsen, auf denen in der Flut-Ebbe-Zone viele kleine Algen wachsen, zieht ein steiler Felsweg zu einer kleinen Kolonie von Goldschopfpinguinen (Eudyptes chrysolophus, 'Macaroni'). Die Brutplätze liegen charakteristischerweise in sehr steilem Gelände zwischen Tussockgras-Büscheln (im Gegensatz brütet der nahe verwandte Felsenpinguin <Rockhopper> oberhalb von Steilklippen auf felsigem Gelände). In den meisten Nestern wird ein Ei bebrütet. Auf dem steilen Felsweg zirkulieren die Macaronis in hüpfender Fortbewegung zwischen dem Nistgebiet und dem Meer. Es wird berichtet, dass auf South-Georgia etwa 2,5 Millionen Paare Goldschopfpinguine brüten. Häufig überfliegen Skuas die Kolonie, um sich da und dort ein Pinguin-Ei zu stehlen. Wo der steile Abhang felsig ist, nisten Russalbatrosse (Phoebetria palpebrata). Diese eleganten Flieger, wie auch Graukopfalbatrosse (Diomedea chrysostoma), Riesensturmvögel, Weisskinn-Sturmvögel, Schnee-Sturmvögel, Bundfuss-Sturmschwalben (Oceanites oceanicus), Schwarzbauch-Meerläufer (Fregatta tropica) und Taubensturmvögel sind auch fliegend über den Wellen zu sehen. Einige begegneten auch Schwertwalen (Orcinus orca), die in diesen Gewässern angesichts der vielen Pinguine und Robben ein grosses Nahrungsangebot vorfinden.
An einem zweiten Strand finden wir eine Kolonie von Zügelpinguinen (Pygoscelis antarctica, Chinstrap Penguin). Wie auch ihre Verwandten, die Eselspinguine und Adelies, bauen sie die Nester aus gesammelten Steinen. So ist das Gelege im erhöhten Nest vor der umgebenden Nässe geschützt. Auch in dieser Kolonie patrouillieren die Skuas erbarmungslos umher. Auf South-Georgia brüten 'nur' etwa 2'000 Paare Zügelpinguine (auf den South Sandwich Islands sind es etwa eine Million Paare). Am Kiesstrand halten sich sehr zahlreich die Scheidenschnäbel auf, um nach organischen 'Übrigbleibseln' zu suchen. Allerdings gibt es zu denken, dass mehrere Hundert tote Pinguine herumliegen; entsprechend haben sie auch Konsumenten, Riesensturmvögel und Skuas, eingefunden.
Am späten Nachmittag reisen wir zum tief eingeschnittenen Drygalski Fjord. Bei Schneetreiben gab es Zodiac Cruises in einem kleinen Fjord, Larsen Harbour. Es wurden auf einem Strand ein paar Weddell-Robben gesehen. Gegen Abend umschifft die Molchanov das Südostkap von South Georgia und nimmt Kurs auf South Orkney. Über der bewegten See wimmelt es von Sturmvögeln und Sturmtauchern.
Die Überfahrt von South Georgia zu den South Orkneys gestaltet sich einigermassen ruhig. Wir werden von Albatrossen und Sturmvögeln begleitet. Immer wieder passieren wir grössere Eisberge.

South Orkney Islands

Bei statistisch unwahrscheinlich strahlendem Wetter nähern wir uns von Norden den South Orkney Inseln. Zackige Berge fallen steil in Meer ab; Gletscher reichen teilweise bis ins Meer. Wir ankern vor der Argentinischen Forschungsstation ,Orcadas‘ auf Laurie Island. Wir werden äusserst gastfreundlich empfangen und geführt. Als neue gesichtete Pinguin-Art begegnen wir den hübschen Adelie-Pinguinen. Die steilen Felshänge westlich der Station sind voller Nischen, die sich für Brutvögel eignen. Es sind vor allem die Kapsturmvögel, die hier brüten. Um Mittag verabschiden wir uns von den freundlichen Forschern der Station und kreuzen nun an der Südküste von Coronation Island westwärts. Es ist ein grossartiges Panorama von Bergen und Eisbergen. Wir nehmen Kurs auf Elephant-Island, das Eiland, das Shackleton seinerzeit nach der Endurance-Expedition in der Weddell-Sea erreichte.

South Shetland Islands

Am frühen Nachmittag des 1. Dezember erreichen wir Elephant Island, eine östliche Insel der Gruppe der South Shetlands. Die Insel ist berühmt, weil Ernest Shackleton 1915, nachdem die ,Endurance‘ in der Weddell Sea vom Eis zer-presst wurde und sank, mit der ganzen Mannschaft (28) auf drei Rettungsbooten hierhergelangte. Wir manövrieren mit der ,Polar Pioneer‘ sehr nah an den Point Wild heran, um uns vom sturmexponierten Strand und den wellenumtosten Felsen zu überzeugen. Wir können es uns kaum vorstellen, dass Shackletons Mannschaft hier viele Monat hauste, bis Shackleton (nachdem er mit 5 Kameraden mit dem Rettungsboot ,Caird‘ nach South Georgia segelte) im August 1916 mit dem chilenischen Schiff ,Yelcho‘ zu Hilfe kam. Zahlreich sind die Kapsturmvögel, die über den ordentlichen Wellen durch die Lüfte jagen.
Da wir hier unmöglich landen können, umfahren wir Elephant Island auf der Ostseite, um auf der Südseite einen Ankerplatz zu finden. So ankern wir vor der kleinen Insel Rowett und versuchen mit den Zodiacs bei Cape Lookout zu landen. Da ein eisiger Sturm aufkommt, können wir nicht landen. Auf dem steinigen Strand hätten wir Zügelpinguine auf ihren steinigen Nestern beobachten können. Auch einige Eselspinguine gibt es dort; ferner liegen einige See-Elefanten herum. Dann gibt es Pelzrobben mit Jungen. Es fliegen ausserordentlich viele Kapsturmvögel und Buntfusssurmschwalben umher.
Über Nacht fahren wir zur Südküste von King George Island; wir ankern am Vormittag des 2. Dezember bei dem kleinen Vulkankegel Penguin Island. Vis-à-vis des Kegels, bei Turret Point, landen wir an einem vereisten Geröllstrand. Wieder einmal sehen wir Dominikanermöwen. Ferner gibt es zahlreiche Skuas und Riesensturmvögel. Auf einer Neuschneedecke wandern wir auf die Anhöhe, wo es eine sehr schöne Brutkolonie von Adeliepinguinen (Pygoscelis adeliae) gibt. Als verwandte Art des Esels- und Zügelpinguins brütet auch der Adeliepinguin auf Steinchennestern. Wir habe grosses Glück, frisch geschlüpfte Küken zu sehen; die weisen am Oberschnabel noch den Eizahn auf; Wir können beobachten, wie sie von den Eltern gefüttert werden.
Dann nehmen wir Kurs auf Deception Island, eine Insel vulkanischen Ursprungs im Süden der Bransfield Strait. Da jetzt gegen Abend ein starkes Schneetreiben einsetzt, können wir vor Baily Head, einem grossen Lavafelsen, nicht ankern. Es gäbe hier reichlich Zügelpinguine; die Kolonie besteht aus etwa 150'000 Vögeln. Die ,Polar Pioneer‘ wird in den Kratersee hineingesteuert; dort nehmen wir den vor etwa drei Wochen ausgesetzen südafrikanischen Photographen und Maler Peter Hall auf. Im Kratersee sehen wir in Whalers Bay die Reste einer Walfangstation, die nach dem Vulkanausbruch von 1963 aufgegeben wurde.

Das Gebiet der antarktischen Halbinsel

Während der Nacht überqueren wir die Gerlache Strait, um am Morgen des 3. Dezember bei wieder gutem Wetter zur Halbinsel des antarktischen Festlands zu gelangen. Eindrücklich ist das Panorama der tief verschneiten Berge mit ihren Gletschern. Schliesslich manövrieren wir zwischen Treibeis und Eisbergen in die Charlotte Bay (eine Bucht der Halbinsel des antarktischen Festlandes) und ankern dort. Auf einem Spaziergang auf Eis und Schnee und einem Zodiac-Cruise über klarem Wasser sehen wir einige Tiere: Krabbenfresser-Robben, Weddell-Robben, Eselspinguine, Dominikanermöwen, Schneesturmvögel, Buntfusssturmschwalben und einige Blauaugenscharben.
Besonderes Glück haben wir mit den Robben. Gleich beim Anlanden liegen zwei Krabbenfresser-Robben (Lobodon carcinophagus) auf einer Eisscholle. Diese Robben-Art ist ein Nahrungsspezialist; mit den mehrlappigen Stockzähnen lässt sich Krill aus dem Wasser filtrieren. Rund um die Antarktis wird der Gesamtbestand auf gegen 15 Millionen Tiere geschätzt (es dürfte sich über die häufigste Robbe überhaupt handeln). Robbenfänger hatten seinerzeit im Magen erlegter Tiere rötliches Krustaceenmaterilal gefunden und daraus geschlossen, es handle sich um ,Krabben‘; die Tiere müssten eigentlich ,Krillfresser-Robben‘ heissen.
Auf einer Zodiac-Cruise finden wir dann eine grössere Ansammlung von Robben; es sind 40-50 Tiere. Es handelt sich um die Weddell-Robbe (Leptonychotes weddelli, Weddell Seal). Diese Robbe ist eine Bewohnerin des Packeises. Im Polarwinter wandern die Tiere nicht weg (wie das die meisten Antarktistiere tun), sondern bleibt im Gebiet; täglich wird mit dem Gebiss das Loch ins Wasser durch Nagen offengehalten. So können die Tiere auch im Polarwinter ins Wasser gelangen und abtauchen. Es werden Tauchtiefen von bis 750m erreicht. Wir haben auch die einmalige Gelegenheit, die melodiösen Rufe der Weddell-Robben zu hören.
Am Nachmittag fahren wir gemütlich durch die Gerlache Strait in südwestlicher Richtung. Immer wieder begengen wir Zwergwalen (Balaenoptera acutorostrata). Es handelt sich um die kleinste Bartenwal-Art (Länge: etwa 8m); die einzige Spezies, deren Bestand nicht gefährdet ist. Dann biegen wir aus der Gerlache Strait in den Errora Channel ab und gleiten langsam an der sehr steilen und oben vergletscherten Insel Cuverville Island vorbei. Danach biegen wir in die Andvord Bay ein, um zuhinterst vor Neko Harbour zu ankern. Imposant sind die riesigen Gletscher über dem Fjord. An ihren Abbrüchen 'kalben' Eisberge, die zahlreich im Wasser flottieren. Am Strand, dessen Sand und Steine aus Granit sind, tummeln sich Eselspinguine, die auf eigenen Pfaden zu ihren erhöht gelegenen Brutkolonien gelangen können. Hier gibt es (auf aperen Stellen des Felses) eine ansehnliche Kolonie von Eselspinguinen. Besonders schön lässt sich beobachten, wie sich Tiere gegenseitig Neststeinchen stehlen. Die Steinchen sind bei den Gentoos so im Umlauf, wie bei uns das Geld. Die brütenden Tiere sitzen auf noch recht frischen Eiern; im Vergleich mit den Pinguinen auf Falkland, sind sie viel weniger weit. Eine Reihe weiterer Vögel lassen sich beobachten: Dominikanermöwen, Skuas, Antarktische Seeschwalben (Sterna vittata), Kapsturmvögel, Schneesturmvögel und Buntfusssturmschwalben (Oceanites oceanicus), die hüpfend über die Wasserfläche fliegen, um oberflächennah schwimmende Fische zu erbeuten. Auch Dominikanermöwen und Blauaugenscharben sind zu sehen.
Gegen Abend fahren wir weiter südwärts in der Gerlache Strait, um in den Lemaire Channel zu gelangen. Wegen der Eisbedingungen müssen wir innerhalb des Kanals wenden und nach Port Lockroy fahren.
Hier wird geankert, und am Vormittag des 4. Dezember besuchen wir die ehemalige englische Forschungsstation. Heute ist Port Lockroy ein Museum. Am felsigen Hang neben der Station erstreckt sich eine ansehnliche Brutkolonie mit Eselspinguinen und Königskormoranen, in der Kolonie halten sich auch Scheiden-schnäbel und Raubmöwen auf. Auf dem Packeis sichten wir auch eine Weddell-Robbe.
Nun ist schon der letzte Tag in der Antarktis. Sofahren wir im Neumayer-Channel nordwärts, um zwischen den Inseln Anvers und Brabant in den offenen Ozean zu gelangen. Zwischen diesen Inseln liegt ein kleiner vergletscherter Archipel, die Melchor Islands. Im Gebiet gibt es ziemlich viel Treibeis, auf dem sich oft Krabbenfresser-Robben aufhalten. Wir beobachten auch zwei Zwergwale (Minkes). Reizvoll sind die zahlreich über dem Treibeis fliegenden Schneesturmvögel. Bei der Fahrt zwischen den Melchior-Inseln, auf denen sich eine verlasse-ne argentinische Forschungsstation befindet, zeigt sich im Oberflächenwasser häufig Krill (Euphausia superba). Die rötlich pigmentierten Leuchtgarnelen (Fam. Euphausiacea) schwimmen in riesigen Schwärmen; sie bilden die Hauptnahrung für Bartenwale und während der Fortpflanzungszeit auch für Pinguine und Robben. Wir sind uns bewusst, dass die Krillkrebse, die wir unter den Rändern der Treibeisschollen beobachten, nur einzelne Tiere am Rand eines riesigen Schwarms darunter sind.
Nach dem Verlassen des Melchior-Inselgebiets gelangen wir sehr langsam in den offenen Ozean. Allerdings ist das Wasser von dichtem Treibeis bedeckt. Deutlich ist in der Eisdecke die Dünung aus dem offenen Wasser wahrzunehmen. Dann machen wir noch eine wichtige Entdeckung: Auf einer Eisscholle liegen zwei Seeleoparden (Hydrurga leptonyx, Leopard Seal); riesig die fast 4m lange Mutter und das Junge daneben. Das Junge schmiegt sich an die Mutter. Diese Endkonsumenten des Antarktischen Raums jagen nach Pinguinen und gelegentlich auch anderen Robben (wenn nicht Saison ist, ernähren sich Seeleoparden nachweislich von Krill). Es handelt sich aber grundsätzlich um ein räuberisches Tier, einen sogenannter 'Top Predator', der meistens im Wasser auf Pinguine lauert, die vom Fischen zurückkehren. Der Tagesbedarf liegt bei 2-3 (Adelie-) Pinguinen (oder einem Kaiserpinguin).
Dann gelangen wir mit nördlichem Kurs auf die Drake Strait; am 5. Und 6. Dezember sind wir unterwegs nach Südamerika. Der für diese Gegend sprichwörtliche Wellengang hält sich in mässigen Grenzen. Das Wetter hellt zuneh-mend auf. Reichlich ist wieder die ozeanische Vogelwelt. Wir sichten wieder Kapsturmvögel und Eissturmvögel (Fulmare). Auch Antarktissturmvögel ziehen am Schiff vorüber. Einmal sichten wir recht nah am Schiff zwei Finnwale, die ge-waltige Blaswolken ausstossen. Während der Wellengang (offenbar mit der Nähe zum Kap Hoorn) deutlich zunimmt, passieren wir die zu Chile gehörende Insel Diego Ramirez; viele Seevögel sind zu sehen. Über den Wellen segeln zahlreiche Schwarzbrauenalbatrosse, und gelegentlich auch Wander- und Königs-Albatrosse.
Am Nachmittag fahren wir am Kap Hoorn vorüber. An diesem berühmten (und auch berüchtigten) Kap wird uns allen klar, dass sich die wunderschöne Reise ihrem Ende nähert. Über den Wogen, die von einem mittelstarken Wind mitbewegt werden, segeln, im Sinne eines herzlichen Farewells vom südlichen Ozean, Riesensturmvögel, Dunkelsturmtaucher, Wanderalbatrosse, Königsalbatrosse, Schwarzbrauenalbatrosse und Graukopfalbatrosse. Im Lee des Kaps, das heisst bei beruhigter See, kreuzen wir zum atlantischen Eingang des Beagle-Kanals. Ein Lotse wird uns nachts durch den Kanal nach Ushuaia führen.

„Das Leben ist ein Buch; wer nicht reist, liest nur die erste Seite.“

hl. Augustin

 

 

Literatur:
de la Peña,M.R.& Rumbol,O.(1998): The Collins Illustrated Checklist of the Birds of
Southern Southamerica and Antarctica. (Harbour Collins Publisher)
ISBN 0 00 220077 5
Reinke-Kunze,C. (1997): Maritimer Reiserführer Antarktis (Koehler).
Senn,D.G.(1994): Segelnd auf hoher See, zur Biologie der Albatrosse (R+R Ver-lag
Aarau, Dr. Stiefel, tel: 062-823 54 62)
Senn,D.G.(1995): Die grossen Wanderer der Ozeane. Eine kleine Naturge-schichte
der Wale (R+R Verlag, Aarau)
Senn, D.G. (1997): Durch Wasser, Wind und Wellen. Naturgeschichte der ozea-nischen
Wirbeltiere (R+R Verlag, Aarau)