Reisebericht von 19.11. bis 7.12.2004
verfasst von Prof. David G. Senn, dem wissenschaftlichen Reisebegleiter
Nach einer Flugreise mit Unterbrüchen von Basel – Frankfurt –
Buenos Aires errecihen wir am 19. November Ushuaia. Nachdem wir am Nachmittag
eine kleine Stadtrundfahrt durch Ushuaia mitmachten, schiffen wir auf der Polar
Pioneer ein und stechen nach 18 Uhr in See. Von einem argentinischen Lotsen
geleitet, passieren wir den Beagle-Kanal in östlicher Richtung und gelangen
während der Nacht in den offenen Südatlantik.
Darauffolgenden Tags sind wir auf hoher See mit Kurs in nordöstlicher Richtung
zu den Falkland-Inseln. Die See ist mässig bewegt; zwischen der lockeren
Bewölkung gibt es Sonnenschein. Wir staunen, wieviele Vögel über
den Wellen fliegen. Es zeigt sich darin auch das unermessliche Nahrungsangebot
des Ozeans. Ozeanische Vögel halten sich die meiste Zeit des Jahres auf
der offenen See auf. Sie wandern im Hinblick auf die saisonalen Nahrungsangebote
weite Strecken. Nur gerade für die Brut brauchen sie den Landkontakt. In
schnellem Flug jagen die Südlichen Riesensturmvögel (Macronectes giganteus)
dynamisch segelnd über die Wellen. Vereinzelt gibt es auch den Nördlichen
Riesensturmvogel (Hallssturmvogel, Macronectes halli). Auch der Weisskinn-Sturmvogel
(Pro-cellaria aequinoctialis) und der Silbersturmvogel (Fulmarus glacialoides)
sind zu sehen. Besonders häufig sind die Kapstrumvögel (Daption capensis);
sie sind an den vier hellen Bezirken auf der sonst dunklen Flügeloberseite
zu erkennen. Oft ziehen Schwarzbrauen-Albatrosse (=Mollymauks) (Diomedea melanophris)
ihre Schleifen. Vereinzelt waren auch schon Wanderalbatrosse (Diomedea exulans),
Königsalbatrosse (D. epomophora, die ja auf Inseln südlich von Neuseeland
brüten) und Weisskappenalbatrosse (D. cauta) unterwegs. Weitere Formen:
Dunkelsturmtaucher (Puffinus griseus); Buntfuss-Sturmschwalbe (Oceanites oceanicus);
Graurücken-Sturmschwalbe (Garrodia nereis).
Falkland-Islands
Beauchêne Island: Weit südlich der Falklands ragt das felsige und
oben von Tussockgras bewachsene Eiland aus dem Meer. Die wenige Kilometer grosse
Insel ist nicht von Menschen bewohnt und steht als Naturreservat unter völligem
Schutz. Auf der Insel nisten (wohl über 200'000) Schwarzbrauenalbatrosse
in einer der grössten Brutkolonien. Ferner dürften hier auch zahlreiche
Sturmvögel und Sturmtaucher brüten. Es wird angenommen, dass Beauchêne
inmitten eines besonders fischreichen Gebiets liegt.
Sealion Island: Auf der etwa 6km langen, recht flach gestalteten Insel gedeiht
(dort wo die Schafzucht nicht überhandnahm) noch das Tussock-Gras, das
in grossen, bis 3m messenden Büscheln eine dichte Vegetation bildet. Darin
finden verschiedene Vögel ihre Nischen, so Tussockvögel, Falklanddrosseln,
Tyrannen, Bekassinen und Zaunkönige. Wo die Zone ans Meer grenzt, halten
sich häufig gestreifte Caracaras und Truthahngeier auf. Das Tussockgras
ist charak-teristisch für die subantarktischen Inseln rund um die Südhemisphäre.
Leider ist es auf den meisten Inseln des Falkland-Archipels (wegen der Schafzucht)
verschwunden.
Am Strand wimmelt es von flugunfähigen Dampfschiffenten (teils mit Jungen),
Magellangänse, Tanggänse, Ruddyheaded Geese, Dominikanermöwen,
Blutschnabelmöwen, Grosse Raubmöwen (Skuas), Südlichen Austernfischern
(Haematopus leucopodus), Regenpfeiffern (Charadrius falklandicus), Rufouschested
Dotterel (Charadrius modestus), Schwarzhalsfinken, Gras-Zaunkönigen, Bekassinen
und Riesensturmvögeln. Die Kolonie von Eselspinguinen (Pygoscelis papua)
ist in eher flachem Gelände angelegt. In zahlreichen Nestern (die auf Steinen
angelegt werden) sind frisch geschlüpfte Junge zu beobachten; sie werden
von den Eltern mit ausgewürgter Nahrung gefüttert. Ein Junges konnte
gera-de beim Schlüpfen aus dem Ei bestaunt werden. Die Adultvögel,
die sich bei Brut und Sorge um die Jungen abwechseln, müssen zum Nahrungserwerb
regelmässig zum Meer; sie wandern auf 'ihren Strassen' zwischen der Brutkolonie
und dem Ufer.
Im offenen Wasser vor der Bucht patroullieren immer wieder Schwertwale (Orcinus
orca). Dies hat einen guten Grund; die räuberischen Wale ziehen von der
Antarktis zu jener Zeit nach Falkland, in der erste junge See-Elefanten zum
ersten Mal das Meer aufsuchen. Nach der ,See-Elefanten-Saison‘ ziehen
die Orcas weiter, wieder zur Antarktis. In der Ebbe-Flut-Zone der Bucht sind
auch die grossen Tange auffällig. Auf den Litoralfelsen wächst die
in der Subantarktis weit verbreitete Durvillea antarctica (die Algen sehen aus
wie riesige Tagliatelle). Weiter aussen sind die dünneren Macrocystis häufig;
diese Algen bilden ausgedehnte Tangwälder in 10-40m Tiefe; ihre Thalli
sind so lang, dass sie, von kleinen gasgefüllten Schwimmkörpern hinaufgezogen,
am Licht Photosynthese betreiben können.
Eine Besonderheit der Insel ist die Kolonie der See-Elefanten. Der Südliche
See-Elefant (Mirounga leonina) gehört systematisch zu den Seehundartigen.
Es sind die mächtigsten Vertreter der Hundsrobbengruppe; die Bullen erreichen
6,5m und 3,5t, die Weibchen 3,5m und 900kg. Die Bullen zeigen eine rüsselartig
verlängerte Nase, die bei Erregung und zum Imponieren aufgeblasen wird.
See-Elefanten verbringen einen grossen Teil des Jahres auf hoher See, um reiche
Nahrungsgründe zu nutzen. Nach neuen Erkenntnissen wird sehr tief getaucht
(mit angehaltenem Atem), in bis gegen 1'000m Tiefe holen diese Robben ihre Kalmare
(eine gemessene Rekordtiefe betrug 1'500 m). Wie die Tiere in der völli-gen
Finsternis, die in jenen Tiefen herrscht, die Beute orten, ist noch unerforscht.
Es könnte Echolokation, ein Sonarsystem im Spiel sein, ganz ähnlich
wie wir es von Delphinen kennen. Eine andere These besagt, dass die Kalmare
der Tiefen biolumineszent sind, das heisst als selber leuchtende Objekte von
den See-Elefanten gesehen werden können.
In der Fortpflanzungszeit, die in der Regel Ende Oktober beginnt, versammeln
sich die See-Elefanten an sog. Fortpflanzungsstränden, nach denen das subantarktische
Verbreitungsgebiet umschrieben wird: Kerguelen, Macquarie, Südgeorgien,
Falkland und an der Halbinsel Valdes an der patagonischen Atlantikküste.
Durch Aufrichten des Vorderkörpers (monumentale Pose), Aufblasen des Rüssels
und (zuweilen blutige) Kämpfe ringen sie um Revier und Harem. Bei aufgesperrtem
Maul werden rülpsende Laute ausgestossen.
See-Elefanten halten sich während der meisten Zeit des Jahres im offenen
Meer auf, es sind pelagische Tiere, die systematisch zu den Phocidae (Seehundartige)
gehören. Im Wasser treiben sie sich an, indem sie sich mit den parallel
senkrecht gestellten Hinterflossen seitlich schlängelnde Bewegungen ausführen.
An Land 'robben' die Tiere auf dem Bauch.
Im Oktober kommen die Bullen ans Ufer und etablieren ihre Reviere. Später
kommen auch die Weibchen und gebären ihre etwa 70cm grossen Jungen (pro
x ist es immer ein Junges). Die Babies werden nur 3 Wochen (!!!) lang gesäugt.
Dies ist dank der sehr nahrhaften Milch (ca.51% Fettgehalt) möglich. Danach
liegen sie als 'Entwöhnte' noch wochenlang auf dem Strand und wachsen,
obschon sie jetzt nichts fressen, aufgrund des vormaligen hohen Fettkonsums
weiter.
Im Spätsommer (d.h. etwa im März) werden die See-Elefanten im wesentlichen
wieder pelagisch. Erste Befunde mit sendermarkierten Tieren, deren Route mit
Satelli-tenortung verfolgt werden kann, dürften darauf hinweisen, dass
Männ-chen und Weibchen verschiedene Wege gehen dürften. Bullen ziehen
in den Bereich der Packeisgrenze, um dort aus grossen Tiefen Kalmare zu fischen.
Weibchen und Juvenile scheinen eher auf den Breitengraden zu verbleiben und
sich in östliche und westliche Richtung zu verschieben. Auf dem Sandstrand
von Sea Lion-Island wurde auch ein Patagonischer (Südamerikanischer) Seelöwe
gesichtet.
An der südlichen Küste von Sealion-Island gibt es hohe, senkrechtabfallende
Felsen. Darauf gibt es grosse Brutkolonien von Blauaugenscharben (Phalacrocorax
atriceps) und Felsenpinguinen (Eudyptes crestatus). Von weitem sehen sich diese
Vögel mit ihren weissen Bäuchen und dem schwarzen Rücken fast
etwas ähnlich. Doch ist der Weg, wie sie zwischen dem Meer und dem Nistplatz
zirkulieren, völlig verschieden. Während die Scharben durch die Luft
reisen und oft mit einem Algenpräsent im Schnabel beim Nest landen, müssen
die 'Rock-hoppers' mühsam mit einer hüpfenden 'Kletterpartie' vom
Ufer durch steile Felswege zum Nistplatz heraufwandern. In der Mischkolonie
spazieren Blutschnabelmöven (Leucocephalus scoresbyi) und Scheidenschnäbel
(Chionis alba) herum, um nach Speiseabfällen der brütenden 'Herrschaften'
zu suchen. Auch Felsenscharben (Phalacrocorax magellanicus), die auf Simsen
der steilen Felsen brüten, wurden beobachtet.
Zwei bemerkenswerte Raubvögel sind häufig zu sehen. Der Truthahngeier
(Cathartes aura falklandica) ist eine Variante des in ganz Südamerika weit
verbreiteten Neuweltgeiers, der hier vor allem nach Aas Ausschau hält.
Dann gibt es den für Falkland typischen Caracara (Phalcoboenus australis),
auch als Johnny Rook oder Striated Caracara bezeichnet. Diese Tiere sind nicht
nur zutraulich; sie werden sogar frech und versuchen Gegenstände zu stibitzen.
Mit einer nicht ganz trockenen Überfahrt per Zodiac gelangen wir nach einem
reichen Tag vom Strand zurück auf die 'Polar Pioneer'.
Port Stanley: ein Vormittag (22. November) bei ausnehmend strahlendem Wetter
mit Besuch bei Pinkshop, Kirche, Museum, Post Office und Bar. Auf der Überfahrt
mit dem Zodiac auf die ,Polar Pioneer‘ begegnen wir einigen kleinen Delphinen.
Es handelt sich um den in diesen Breiten verbreiteten Commerson's Delphin (Cephalorhynchus
commersonii). Am frühen Nachmittag wird der Anker gelichtet; wir nehmen
Kurs auf South Georgia.
Überfahrt von Falkland nach South Georgia
Die Überfahrt von Falkland nach South-Georgia dauert etwa drei Tage. Bei
(für hiesige Verhältnisse) ,mildem‘ Wellengang und noch immer
strahlendem Wetter sichten wir Blasfontänen von Finnwalen; zunächst
ein Tier, dann eine Gruppe von 4 Walen, davon einer noch halbwüchsig. Der
Finnwal (Balaenoptera physalus) ist mit einer Gesamtlänge von bis etwa
22m der zweitgrösste Wal (Gewicht bis 50t). Die Grundfärbung ist schwarzbraun;
die Rückenfinne ist deutlich sichelförmig gestaltet. Die Besonderheit
liegt darin, dass er mit Geschwindigkeiten von 20 Knoten und mehr ein besonders
schneller Schwimmer ist (der Finnwal gilt als schnellster Bartenwal). Finnwale
ernähren sich von Schwärmen von Jungheringen und anderen Fischen z.B.
Dorschen), aber auch von Krill. Eigenartig ist die Asymmetrie der Färbung
des Kopfes: Während die linke Seite dunkel pigmentiert ist, erscheint die
rechte Seite im Unterkieferbereich weiss. Die heutige Gesamtpopulation wird
mit 120‘000 bis 200'000 angegeben. Ursprünglich gab es auf der Südhemisphäre
gegen eine halbe Million; auf der Nordhemisphäre gegen 60'000 (Heute sind
es auf der Südhemisphäre noch etwa 100'000 und auf der Nordhemisphäre
etwa 20'000). Oft jagen sie den Fischschwärmen in Tiefen von gegen 200m
nach.
Reichhaltig ist wiederum die Vogelwelt auf hoher See. So sichten wir folgende
Tiere: Kapstrumvögel, Riesensturmvögel, Schwarzbrauen-Albatrosse,
Wanderalbatrosse, Königsalbatrosse, Russalbatrosse, Peale-Delphine. Die
Häufigkeit der ozeanischen Vögel nimmt gegen South-Georgia deutlich
zu. Spannend ist, dass plötzlich vier zackige Felsen aus dem bewegten Ozean
ragen: die Shag Rocks. Darauf nisten zahlreiche Kormorane, insbesondere Blauaugenscharben.
Der Ozean ist nun sehr belebt. Es wimmelt von Kapsturmvögeln (Daption capensis).
Auch die zierlichen Taubensturmvögel (Pachyptila desolata, Antarctic Prion),
von denen auf South-Georgia 22 Millionen brüten sollen, werden vermehrt
gesichtet. Zahlreich sind auch die Kerguelen-Pelzrobben (Arctocephalus gazella,
Antarctic Furseal), die manchmal in Schulen von einigen Dutzend Tieren schwimmen.
Beim schnellen Schwimmen wird 'Porpoising' beobachtet.
Unter den vorüberziehenden .Grossalbatrossen‘ gibt es nicht nur Wanderalbatrosse
(Diomedea exulans), sondern auch Königsalbatrosse (Diomedea epo-mophora).
Königsalbatrosse brüten ausschliesslich in der südlichen Region
Neu-seelands, d.h. auf subantarktischen Inseln wie Campbell Island und auch
auf der neuseeländischen Südinsel (Taiaroa Head). So ist es eindrücklich,
wie diese Albatrosse, einfach um auf Futtersuche zu gehen, ins Gebiet von South
Georgia fliegen.
Die Begegnung mit dem Südlichen Glattwal (Eubalaena australis, Southern
Right Whale) bildet zweifellos den Höhepunkt auf dieser Überfahrt.
Im Ganzen wurden 6 Tiere gesichtet. Auf einmal waren des drei Wale, davon ein
halbwüchsiges Kalb, die sich spielerisch tummelten und dabei immer wieder
die Fluken zeigten. Deutlich waren die ,Callosities‘ am Kopf zu sehen,
helle buckelige Stellen (eine Art Hornhaut), auf denen Seepocken wachsen können.
Im Gebiet westlich von South Georgia liegen weiträumig die Nahrungsgründe
des antarktischen Sommers. Die Wale filtrieren mit ihren über 2m langen
Barten kleine Crustaceen aus der jetzt reichen Nahrungskette. Jeweils im Winter
wandern diese Wale weg ins Fortpflanzungsgebiet bei der Halbinsel Valdes an
der patagonischen Küste (dort werden einerseits Junge geboren; andererseits
finden dort auch die Paarungen statt). Die Wale werden erwachsen um die 50t
schwer; sie messen bis etwa 15m. Glattwale sind langsame Schwimmer; sie erreichen
eine Geschwindigkeit von nur etwa 5km/h.
South-Georgia
Im Morgengrauen des 25. November lassen sich die tiefverschneiten Hänge
der Nordküste Südgeorgiens unter einer Nebeldecke erblicken. Gespenstisch
sehen die graublauen Wellen aus, die mit Schaum gekrönt in Richtung Küste
rollen. Dass das Schiff zuweilen kräftig mitrollt, wird kaum bemerkt. Wir
haben uns an den Wellengang gewöhnt. Am Vormittag machen wir eine (nässliche)
Landung auf dem Strand von Fortuna Bay. Am Strand finden wir zwei Robben-Arten:
Ker-guelen-Pelzrobben, die oft in 'Monumentalstellung' verharren und See-Elefanten.
Von den Letzteren liegen vereinzelt grosse Bullen und zahlreiche hellsilberige
'Weaners' herum. Über dem Strand fliegen Seeschwalben, Skuas, Sturmvögel
und Spiessenten.
Zahlreich stehen am Strand Königspinguine herum; sie sind entweder auf
dem Weg vom Meer zur Brutkolonie oder umgekehrt. Der Königspinguin (Aptenodytes
patagonicus, King Penguin) ist im zirkumantarktischen Raum verbreitet, kommt
aber auf dem Kontinent 'Antarktis' selber nicht vor. Grosse Kolonien gibt es
heute noch auf Macquarie-Island, Südgeorgien und auf den Kerguelen. Sie
bevorzugen sandige Küsten. Die Brutkolonien werden jeweils hinter dem Sand-strand
angelegt. Im Frühling, also etwa im November beginnen die Tiere mit der
Brut. Ein Paar bebrütet jeweils ein Ei, das nicht in einem Nest, sondern
in einer Bauchfalte auf den Füssen gewärmt und geschützt wird.
Die beiden Eltern wechseln etwa alle 2-3 Tage mit dem Brüten ab. So kann
der jeweils nicht brütende Partner im Meer auf die Jagd nach Fischen und
Kalmaren gehen. Es wird berichtet, dass pro 3 Jahre etwa zweimal gebrütet
wird, d.h. es wird zuweilen ein Brutjahr ausgelassen. Eine Brut (Brut des Eies
+ Aufzucht des Kükens) dauert etwa 13 Monate. Nach zwei solchen Bruten
setzen die Tiere ein knappes Jahr aus.
In der Brutkolonie von Fortuna Bay sind die ausgewachsenen Küken im braunen
Flaumgefieder sehr zahlreich. Einige haben mit der ersten Mauser begonnen; unter
dem Flaum kommt das ,elegante‘ Pinguingefieder zum Vorschein. Eltern,
die schon ein neues Ei bebrüten, wurden noch nicht gesehen.
Über Mittag werden im offenen Meer Planktonproben genommen. In den feinmaschigen
Netzen, die bis zu 40m hinuntergelassen wurde, sammelt sich eine braune Brühe;
alles Diatomeen (Kieselalgen) in Reinkultur. In der enormen Biomasse der Diatomeen
spiegelt sich die frühsommerlich reiche Photosynthese der Primärproduzenten
wider.
Am Nachmittag ankern wir bei wieder sonnigem Wetter in der Stromness Bay. Hier
befinden sich die rostenden und hässlichen Überreste einer Walfangstation.
Es ist die Station, bei der sich der seit Jahren vermisste Ernest Shackleton
1917 nach der Irrfahrt in der Weddell Sea und der unglaublichen Überfahrt
von Elephant-Island nach South Georgia mit dem Rettungsboot ,Caird‘ und
nach der Überquerung des Gebirges eintraf. Am Strand wimmelt es von aggressiven
Pelzrobben-Bullen. Vereinzelt sind Eselspinguine und Königspinguine zu
sehen. In der Luft ziehen Seeschwalben vorüber.
Am 26. November erreichen wir die Bay of Isles im Nordwesten von South-Georgia.
Angenehm ist, dass es recht sonnig ist. Grossartig ist das weite Panorama mit
Bergen, Gletschern und dem vom eisigen Wind bewegten Meer. Mit den Zodiacs landen
wir am Strand von Salisbury Plain. Eine grosse Ebene wird von zwei Gletschern,
dem Lucas Glacier und dem Graca Glacier eingerahmt. So weit das Auge reicht,
gibt es Königspinguine. Es dürfte sich um 100'000 bis 150'000 Tiere
handeln. Der Kiesstrand ist voll von Tieren, die warten, um entweder zum Meer
oder zur Brutkolonie zu spazieren. Eine breite 'Strasse' führt zur Brutkolonie,
die sich am Berghang bis weit hinauf erstreckt. Wiederum gibt es viele voll
ausgewachsene Tiere, die noch im braunen jugendlichen Flaumgefieder stehen.
Manche Eltern haben diese flaumigen Jungen ,fortgeschickt‘, damit sie
mit einem neuen Ei die nächste Brut beginnen können.
Am Strand gibt es noch einige See-Elefanten (darunter nebst Bullen und zahlreichen
'Weaners' noch ein Weibchen, das ein Junges säugt) und sehr viele Pelzrobben.
Schwimmende Pelzrobben lassen sich sehr schön beim 'Porpoising' beobachten.
Zahlreich sind die umherspazierenden Scheidenschnäbel, die im enormen 'Strandbetrieb'
nach etwas Fressbarem suchen. Auch Riesensturmvö-gel und Weisskinn-Strumvögel
sind zahlreich. Skuas sind vor allem über der Pinguinkolonie häufig.
Elegant fliegen Antipoden-Seeschwalben (Sterna vittata, Antarctic Tern) über
den Wellen.
Am Nachmittag landen wir mit den Zodiacs an einem Felsstrand von Prion Island.
Am Strand und auf den Felsen liegen Kerguelen-Pelzrobben. Die 'Beachmasters'
haben einen Harem von kleineren Weibchen um sich. Einige Weibchen haben schon
ein Junges geboren. Viele Bullen sind im 'zweiten Rang' ohne Harem. Die etwa
1km grosse Insel ist auf der hügeligen Oberfläche vom büscheligen
Tussockgras überwachsen. Höhepunkt sind die Wanderalbatrosse (Diomedea
exulans), die locker gestreut ihre Nistplätze haben (exponiert im dauernd
starken Wind). Die riesigen Vögel (10kg; 3,5m Flügelspannweite) sind
entweder am Nisten auf einem ziemlich frischen Ei, oder sie halten sich in der
Nähe des Nestes auf, in dem sie ein im vergangenen Februar geschlüpftes
Junges grossgezogen haben. Einige solche Junge im noch dunkelbraunen Gefieder
halten sich im Gelände auf. Oft spreizen sie ihre Flügel um 'übend'
Schlagbewegungen aus-zuführen. Die Tiere dürften in einem guten Monat
flügge werden. Ihren ersten Flug müssen sie allein vollführen;
Wochen zuvor sind die Eltern schon weggeflogen.
Nistend und fliegend begegnen wir auch Südlichen und Nördlichen Riesenstrumvögeln
(Macronectes giganteus und M. halli). Ferner fliegen oft Weisskinn-Sturmvögel
(Procellaria aequinoctialis), Russalbatrosse (Phoebetria palpebrata), Dunkelsturmtaucher,
Taubensturmvögel, Skuas (Catharacta loennbergi), Dominikanermöwen
und Blauaugenscharben vorüber. In Ufernähe, im Umfeld des Tussockgrases,
begegnen wir auch Scheidenschnäbeln, Südgeorgischen Spiessenten (Anas
georgica georgica) und South Georgia Pipits (Anthus antarcticus, Fam. Motacillidae).
Der Besuch in Grytviken, der grössten industriellen Walfangstation (1904-1966
in Betrieb), führt uns am 27. November ein sehr betrübliches Kapitel
der Nutzung der Meere durch den Menschen vor Augen. Damals wurden pro Tag 25
grosse Wale verarbeitet. Zum Glück bringen einige Seeschwalben, Skuas,
Pinguine und See-Elefanten noch etwas Leben in die hässlichen Ruinen. Von
1925 an operierten neben den landgestützten Walfangstationen auch noch
'Fabrikschiffe', die die Wale auf hoher See verarbeiteten. Bis zu 41 schwimmende
Fabriken und 232 Harpunenboote waren im südlichen Ozean unterwegs. Durch
sie erhöhte sich die Zahl der jährlich getöteten Wale von 14'219
auf 40'201. In Grytviken und noch drei kleineren Anlagen von South-Georgia wurden
insgesamt 175'250 Wale verarbeitet. Jetzt zeugt diese Geisterstadt als menschliches
Machwerk, das in den eisigen Stürmen vor sich hinrostet, von einer Epoche,
die 61 Jahre dauerte. Grytviken ist ein Mahnmal, das veranlassen muss, unser
Wirken auf diesem Planeten zu hinterfragen und gründlich zu überdenken.
Am frühen Nachmittag werden einige Teilnehmer im Süden der Cumberland-Bay
abgesetzt, um wandernd südwärts die Godthulbucht zu erreichen. Später
ankern wir in der Godthul-Bucht. Eindrücklich sind die bizarr gestalteten
Eisberge, die in grosser Zahl vor und in den Buchten flottieren. An der Grenze
zum offenen Meer wird wieder eine Planktonprobe genommen, die sich als sehr
reichhaltig erweist.
Am Vormittag des 28. November ankern wir vor Gold Harbour, einem Strand, der
von steilen Bergen und einem Gletscher gesäumt wird. Hier gibt es vor allem
reichlich See-Elefanten. Die Fortpflanzungsperiode neigt sich dem Ende zu; nur
noch wenige Weibchen sind da; sehr zahlreich sind die 'Weaners'. Noch immer
sind die Bullen aktiv, ihre Territorien zu verteidigen; immer wieder kommt es
zu ,nicht ganz friedlichen‘ Kämpfen; die Bullen schlagen die aufgerichteten
Vorderkörper gegeneinander und äussern ein sehr lautes Grunzen, das
weitherum hörbar ist. Am Strand wimmelt es aber auch von Königspinguinen;
viele Junge im braunen Flaumgefieder warten auf die Mauser und auf den Start
ins Meer. Es sind auch einige Eselspinguine zu sehen; ihre Brutkolonien liegen
unter dem tussockgrasbewachsenen Hang. Ferner sind Südliche Riesensturmvögel
und Skuas da, die nach Aas Ausschau halten. Stellenweise sind auch die Scheidenschnäbel
zahlreich. Plötzlich ist eine gewaltiges Donnergeräusch zu vernehmen:
Von einem steilen Berghang ist ein Stück Gletscher abgebrochen; die Eismassen
stürzen mit dröhnendem Lärm mindestens 100m in die Tiefe.
Am Nachmittag setzen wir den Anker in der Cooper Bay. An einem ersten, felsigen
Strand begegnen wir wieder Pelzrobben mit neugeborenen Babies. Die Bullen benehmen
sich besonders aggressiv. Von den Strandfelsen, auf denen in der Flut-Ebbe-Zone
viele kleine Algen wachsen, zieht ein steiler Felsweg zu einer kleinen Kolonie
von Goldschopfpinguinen (Eudyptes chrysolophus, 'Macaroni'). Die Brutplätze
liegen charakteristischerweise in sehr steilem Gelände zwischen Tussockgras-Büscheln
(im Gegensatz brütet der nahe verwandte Felsenpinguin <Rockhopper>
oberhalb von Steilklippen auf felsigem Gelände). In den meisten Nestern
wird ein Ei bebrütet. Auf dem steilen Felsweg zirkulieren die Macaronis
in hüpfender Fortbewegung zwischen dem Nistgebiet und dem Meer. Es wird
berichtet, dass auf South-Georgia etwa 2,5 Millionen Paare Goldschopfpinguine
brüten. Häufig überfliegen Skuas die Kolonie, um sich da und
dort ein Pinguin-Ei zu stehlen. Wo der steile Abhang felsig ist, nisten Russalbatrosse
(Phoebetria palpebrata). Diese eleganten Flieger, wie auch Graukopfalbatrosse
(Diomedea chrysostoma), Riesensturmvögel, Weisskinn-Sturmvögel, Schnee-Sturmvögel,
Bundfuss-Sturmschwalben (Oceanites oceanicus), Schwarzbauch-Meerläufer
(Fregatta tropica) und Taubensturmvögel sind auch fliegend über den
Wellen zu sehen. Einige begegneten auch Schwertwalen (Orcinus orca), die in
diesen Gewässern angesichts der vielen Pinguine und Robben ein grosses
Nahrungsangebot vorfinden.
An einem zweiten Strand finden wir eine Kolonie von Zügelpinguinen (Pygoscelis
antarctica, Chinstrap Penguin). Wie auch ihre Verwandten, die Eselspinguine
und Adelies, bauen sie die Nester aus gesammelten Steinen. So ist das Gelege
im erhöhten Nest vor der umgebenden Nässe geschützt. Auch in
dieser Kolonie patrouillieren die Skuas erbarmungslos umher. Auf South-Georgia
brüten 'nur' etwa 2'000 Paare Zügelpinguine (auf den South Sandwich
Islands sind es etwa eine Million Paare). Am Kiesstrand halten sich sehr zahlreich
die Scheidenschnäbel auf, um nach organischen 'Übrigbleibseln' zu
suchen. Allerdings gibt es zu denken, dass mehrere Hundert tote Pinguine herumliegen;
entsprechend haben sie auch Konsumenten, Riesensturmvögel und Skuas, eingefunden.
Am späten Nachmittag reisen wir zum tief eingeschnittenen Drygalski Fjord.
Bei Schneetreiben gab es Zodiac Cruises in einem kleinen Fjord, Larsen Harbour.
Es wurden auf einem Strand ein paar Weddell-Robben gesehen. Gegen Abend umschifft
die Molchanov das Südostkap von South Georgia und nimmt Kurs auf South
Orkney. Über der bewegten See wimmelt es von Sturmvögeln und Sturmtauchern.
Die Überfahrt von South Georgia zu den South Orkneys gestaltet sich einigermassen
ruhig. Wir werden von Albatrossen und Sturmvögeln begleitet. Immer wieder
passieren wir grössere Eisberge.
South Orkney Islands
Bei statistisch unwahrscheinlich strahlendem Wetter nähern wir uns von Norden den South Orkney Inseln. Zackige Berge fallen steil in Meer ab; Gletscher reichen teilweise bis ins Meer. Wir ankern vor der Argentinischen Forschungsstation ,Orcadas‘ auf Laurie Island. Wir werden äusserst gastfreundlich empfangen und geführt. Als neue gesichtete Pinguin-Art begegnen wir den hübschen Adelie-Pinguinen. Die steilen Felshänge westlich der Station sind voller Nischen, die sich für Brutvögel eignen. Es sind vor allem die Kapsturmvögel, die hier brüten. Um Mittag verabschiden wir uns von den freundlichen Forschern der Station und kreuzen nun an der Südküste von Coronation Island westwärts. Es ist ein grossartiges Panorama von Bergen und Eisbergen. Wir nehmen Kurs auf Elephant-Island, das Eiland, das Shackleton seinerzeit nach der Endurance-Expedition in der Weddell-Sea erreichte.
South Shetland Islands
Am frühen Nachmittag des 1. Dezember erreichen wir Elephant Island, eine
östliche Insel der Gruppe der South Shetlands. Die Insel ist berühmt,
weil Ernest Shackleton 1915, nachdem die ,Endurance‘ in der Weddell Sea
vom Eis zer-presst wurde und sank, mit der ganzen Mannschaft (28) auf drei Rettungsbooten
hierhergelangte. Wir manövrieren mit der ,Polar Pioneer‘ sehr nah
an den Point Wild heran, um uns vom sturmexponierten Strand und den wellenumtosten
Felsen zu überzeugen. Wir können es uns kaum vorstellen, dass Shackletons
Mannschaft hier viele Monat hauste, bis Shackleton (nachdem er mit 5 Kameraden
mit dem Rettungsboot ,Caird‘ nach South Georgia segelte) im August 1916
mit dem chilenischen Schiff ,Yelcho‘ zu Hilfe kam. Zahlreich sind die
Kapsturmvögel, die über den ordentlichen Wellen durch die Lüfte
jagen.
Da wir hier unmöglich landen können, umfahren wir Elephant Island
auf der Ostseite, um auf der Südseite einen Ankerplatz zu finden. So ankern
wir vor der kleinen Insel Rowett und versuchen mit den Zodiacs bei Cape Lookout
zu landen. Da ein eisiger Sturm aufkommt, können wir nicht landen. Auf
dem steinigen Strand hätten wir Zügelpinguine auf ihren steinigen
Nestern beobachten können. Auch einige Eselspinguine gibt es dort; ferner
liegen einige See-Elefanten herum. Dann gibt es Pelzrobben mit Jungen. Es fliegen
ausserordentlich viele Kapsturmvögel und Buntfusssurmschwalben umher.
Über Nacht fahren wir zur Südküste von King George Island; wir
ankern am Vormittag des 2. Dezember bei dem kleinen Vulkankegel Penguin Island.
Vis-à-vis des Kegels, bei Turret Point, landen wir an einem vereisten
Geröllstrand. Wieder einmal sehen wir Dominikanermöwen. Ferner gibt
es zahlreiche Skuas und Riesensturmvögel. Auf einer Neuschneedecke wandern
wir auf die Anhöhe, wo es eine sehr schöne Brutkolonie von Adeliepinguinen
(Pygoscelis adeliae) gibt. Als verwandte Art des Esels- und Zügelpinguins
brütet auch der Adeliepinguin auf Steinchennestern. Wir habe grosses Glück,
frisch geschlüpfte Küken zu sehen; die weisen am Oberschnabel noch
den Eizahn auf; Wir können beobachten, wie sie von den Eltern gefüttert
werden.
Dann nehmen wir Kurs auf Deception Island, eine Insel vulkanischen Ursprungs
im Süden der Bransfield Strait. Da jetzt gegen Abend ein starkes Schneetreiben
einsetzt, können wir vor Baily Head, einem grossen Lavafelsen, nicht ankern.
Es gäbe hier reichlich Zügelpinguine; die Kolonie besteht aus etwa
150'000 Vögeln. Die ,Polar Pioneer‘ wird in den Kratersee hineingesteuert;
dort nehmen wir den vor etwa drei Wochen ausgesetzen südafrikanischen Photographen
und Maler Peter Hall auf. Im Kratersee sehen wir in Whalers Bay die Reste einer
Walfangstation, die nach dem Vulkanausbruch von 1963 aufgegeben wurde.
Das Gebiet der antarktischen Halbinsel
Während der Nacht überqueren wir die Gerlache Strait,
um am Morgen des 3. Dezember bei wieder gutem Wetter zur Halbinsel des antarktischen
Festlands zu gelangen. Eindrücklich ist das Panorama der tief verschneiten
Berge mit ihren Gletschern. Schliesslich manövrieren wir zwischen Treibeis
und Eisbergen in die Charlotte Bay (eine Bucht der Halbinsel des antarktischen
Festlandes) und ankern dort. Auf einem Spaziergang auf Eis und Schnee und einem
Zodiac-Cruise über klarem Wasser sehen wir einige Tiere: Krabbenfresser-Robben,
Weddell-Robben, Eselspinguine, Dominikanermöwen, Schneesturmvögel,
Buntfusssturmschwalben und einige Blauaugenscharben.
Besonderes Glück haben wir mit den Robben. Gleich beim Anlanden liegen
zwei Krabbenfresser-Robben (Lobodon carcinophagus) auf einer Eisscholle. Diese
Robben-Art ist ein Nahrungsspezialist; mit den mehrlappigen Stockzähnen
lässt sich Krill aus dem Wasser filtrieren. Rund um die Antarktis wird
der Gesamtbestand auf gegen 15 Millionen Tiere geschätzt (es dürfte
sich über die häufigste Robbe überhaupt handeln). Robbenfänger
hatten seinerzeit im Magen erlegter Tiere rötliches Krustaceenmaterilal
gefunden und daraus geschlossen, es handle sich um ,Krabben‘; die Tiere
müssten eigentlich ,Krillfresser-Robben‘ heissen.
Auf einer Zodiac-Cruise finden wir dann eine grössere Ansammlung von Robben;
es sind 40-50 Tiere. Es handelt sich um die Weddell-Robbe (Leptonychotes weddelli,
Weddell Seal). Diese Robbe ist eine Bewohnerin des Packeises. Im Polarwinter
wandern die Tiere nicht weg (wie das die meisten Antarktistiere tun), sondern
bleibt im Gebiet; täglich wird mit dem Gebiss das Loch ins Wasser durch
Nagen offengehalten. So können die Tiere auch im Polarwinter ins Wasser
gelangen und abtauchen. Es werden Tauchtiefen von bis 750m erreicht. Wir haben
auch die einmalige Gelegenheit, die melodiösen Rufe der Weddell-Robben
zu hören.
Am Nachmittag fahren wir gemütlich durch die Gerlache Strait in südwestlicher
Richtung. Immer wieder begengen wir Zwergwalen (Balaenoptera acutorostrata).
Es handelt sich um die kleinste Bartenwal-Art (Länge: etwa 8m); die einzige
Spezies, deren Bestand nicht gefährdet ist. Dann biegen wir aus der Gerlache
Strait in den Errora Channel ab und gleiten langsam an der sehr steilen und
oben vergletscherten Insel Cuverville Island vorbei. Danach biegen wir in die
Andvord Bay ein, um zuhinterst vor Neko Harbour zu ankern. Imposant sind die
riesigen Gletscher über dem Fjord. An ihren Abbrüchen 'kalben' Eisberge,
die zahlreich im Wasser flottieren. Am Strand, dessen Sand und Steine aus Granit
sind, tummeln sich Eselspinguine, die auf eigenen Pfaden zu ihren erhöht
gelegenen Brutkolonien gelangen können. Hier gibt es (auf aperen Stellen
des Felses) eine ansehnliche Kolonie von Eselspinguinen. Besonders schön
lässt sich beobachten, wie sich Tiere gegenseitig Neststeinchen stehlen.
Die Steinchen sind bei den Gentoos so im Umlauf, wie bei uns das Geld. Die brütenden
Tiere sitzen auf noch recht frischen Eiern; im Vergleich mit den Pinguinen auf
Falkland, sind sie viel weniger weit. Eine Reihe weiterer Vögel lassen
sich beobachten: Dominikanermöwen, Skuas, Antarktische Seeschwalben (Sterna
vittata), Kapsturmvögel, Schneesturmvögel und Buntfusssturmschwalben
(Oceanites oceanicus), die hüpfend über die Wasserfläche fliegen,
um oberflächennah schwimmende Fische zu erbeuten. Auch Dominikanermöwen
und Blauaugenscharben sind zu sehen.
Gegen Abend fahren wir weiter südwärts in der Gerlache Strait, um
in den Lemaire Channel zu gelangen. Wegen der Eisbedingungen müssen wir
innerhalb des Kanals wenden und nach Port Lockroy fahren.
Hier wird geankert, und am Vormittag des 4. Dezember besuchen wir die ehemalige
englische Forschungsstation. Heute ist Port Lockroy ein Museum. Am felsigen
Hang neben der Station erstreckt sich eine ansehnliche Brutkolonie mit Eselspinguinen
und Königskormoranen, in der Kolonie halten sich auch Scheiden-schnäbel
und Raubmöwen auf. Auf dem Packeis sichten wir auch eine Weddell-Robbe.
Nun ist schon der letzte Tag in der Antarktis. Sofahren wir im Neumayer-Channel
nordwärts, um zwischen den Inseln Anvers und Brabant in den offenen Ozean
zu gelangen. Zwischen diesen Inseln liegt ein kleiner vergletscherter Archipel,
die Melchor Islands. Im Gebiet gibt es ziemlich viel Treibeis, auf dem sich
oft Krabbenfresser-Robben aufhalten. Wir beobachten auch zwei Zwergwale (Minkes).
Reizvoll sind die zahlreich über dem Treibeis fliegenden Schneesturmvögel.
Bei der Fahrt zwischen den Melchior-Inseln, auf denen sich eine verlasse-ne
argentinische Forschungsstation befindet, zeigt sich im Oberflächenwasser
häufig Krill (Euphausia superba). Die rötlich pigmentierten Leuchtgarnelen
(Fam. Euphausiacea) schwimmen in riesigen Schwärmen; sie bilden die Hauptnahrung
für Bartenwale und während der Fortpflanzungszeit auch für Pinguine
und Robben. Wir sind uns bewusst, dass die Krillkrebse, die wir unter den Rändern
der Treibeisschollen beobachten, nur einzelne Tiere am Rand eines riesigen Schwarms
darunter sind.
Nach dem Verlassen des Melchior-Inselgebiets gelangen wir sehr langsam in den
offenen Ozean. Allerdings ist das Wasser von dichtem Treibeis bedeckt. Deutlich
ist in der Eisdecke die Dünung aus dem offenen Wasser wahrzunehmen. Dann
machen wir noch eine wichtige Entdeckung: Auf einer Eisscholle liegen zwei Seeleoparden
(Hydrurga leptonyx, Leopard Seal); riesig die fast 4m lange Mutter und das Junge
daneben. Das Junge schmiegt sich an die Mutter. Diese Endkonsumenten des Antarktischen
Raums jagen nach Pinguinen und gelegentlich auch anderen Robben (wenn nicht
Saison ist, ernähren sich Seeleoparden nachweislich von Krill). Es handelt
sich aber grundsätzlich um ein räuberisches Tier, einen sogenannter
'Top Predator', der meistens im Wasser auf Pinguine lauert, die vom Fischen
zurückkehren. Der Tagesbedarf liegt bei 2-3 (Adelie-) Pinguinen (oder einem
Kaiserpinguin).
Dann gelangen wir mit nördlichem Kurs auf die Drake Strait; am 5. Und 6.
Dezember sind wir unterwegs nach Südamerika. Der für diese Gegend
sprichwörtliche Wellengang hält sich in mässigen Grenzen. Das
Wetter hellt zuneh-mend auf. Reichlich ist wieder die ozeanische Vogelwelt.
Wir sichten wieder Kapsturmvögel und Eissturmvögel (Fulmare). Auch
Antarktissturmvögel ziehen am Schiff vorüber. Einmal sichten wir recht
nah am Schiff zwei Finnwale, die ge-waltige Blaswolken ausstossen. Während
der Wellengang (offenbar mit der Nähe zum Kap Hoorn) deutlich zunimmt,
passieren wir die zu Chile gehörende Insel Diego Ramirez; viele Seevögel
sind zu sehen. Über den Wellen segeln zahlreiche Schwarzbrauenalbatrosse,
und gelegentlich auch Wander- und Königs-Albatrosse.
Am Nachmittag fahren wir am Kap Hoorn vorüber. An diesem berühmten
(und auch berüchtigten) Kap wird uns allen klar, dass sich die wunderschöne
Reise ihrem Ende nähert. Über den Wogen, die von einem mittelstarken
Wind mitbewegt werden, segeln, im Sinne eines herzlichen Farewells vom südlichen
Ozean, Riesensturmvögel, Dunkelsturmtaucher, Wanderalbatrosse, Königsalbatrosse,
Schwarzbrauenalbatrosse und Graukopfalbatrosse. Im Lee des Kaps, das heisst
bei beruhigter See, kreuzen wir zum atlantischen Eingang des Beagle-Kanals.
Ein Lotse wird uns nachts durch den Kanal nach Ushuaia führen.
„Das Leben ist ein Buch; wer nicht reist, liest
nur die erste Seite.“
hl. Augustin
Literatur:
de la Peña,M.R.& Rumbol,O.(1998): The Collins Illustrated Checklist
of the Birds of
Southern Southamerica and Antarctica. (Harbour Collins Publisher)
ISBN 0 00 220077 5
Reinke-Kunze,C. (1997): Maritimer Reiserführer Antarktis (Koehler).
Senn,D.G.(1994): Segelnd auf hoher See, zur Biologie der Albatrosse (R+R Ver-lag
Aarau, Dr. Stiefel, tel: 062-823 54 62)
Senn,D.G.(1995): Die grossen Wanderer der Ozeane. Eine kleine Naturge-schichte
der Wale (R+R Verlag, Aarau)
Senn, D.G. (1997): Durch Wasser, Wind und Wellen. Naturgeschichte der ozea-nischen
Wirbeltiere (R+R Verlag, Aarau)